Realisierung von Visionen für die Bankenzunft

Die meisten Banken, insbesondere die Großbanken, haben in den letzten Jahren keine wirklichen Innovationen produziert. Die letzte wirkliche Innovation war vermutlich die flächendeckende Einführung des Onlinebanking. Anstatt sich den Herausforderungen der veränderten Anforderungen der Kunden zu stellen, hat man stocksteife Systeme eingeführt, die jegliche Individualbehandlung unmöglich machen. Die Möglichkeiten der Vernetzung über das Internet, die direkte Kommunikation und Interaktion mit Kunden sowie die Annäherung an die reale Wirtschaft haben die Großbanken im Großen und Ganzen verschlafen. Großbanken verbinden die meisten Leute heute nicht mehr mit Innovationen, sondern mit Skandalen, Abzocke oder Betrug und einer großen Portion gesichtslosem Desinteresse. Eine dieser vermeintlich unbeweglichen Großbanken ist die Commerzbank.

Die Commerzbank hat in der jüngeren Vergangenheit eher weniger für positive Resonanz in den Medien und an anderen Stellen gesorgt. Insbesondere die staatlichen Hilfen und ein zwar guter, aber leider völlig unpassender Werbespot dürften vielen bekannt sein. Ebenfalls bekannt sind die derzeit laufende Kündigungswelle und der Einbruch des Aktienkurses, infolgedessen man sich nur mit einem Reverse Split oberhalb der 1-Euro-Marke im DAX halten konnte. Umso verblüffender ist es, dass ausgerechnet die Commerzbank nun einen Inkubator (eine Art Gründerzentrum, was zusätzlich u.a. Kapital, Infrastruktur, Expertenwissen und Netzwerke bietet) für FinTech-Startups gegründet hat – passender Weise nicht in Berlin, sondern in der Bankenstadt Frankfurt am Main.

Unter dem Namen Main Incubator GmbH firmiert nun der neue Inkubator, der sich selbst im Slogan als Nr. 1 für Visionäre im Banking bezeichnet. Konkret möchte man Startups im Finanzdienstleistungsbereich unterstützen, was dem Main Incubator Leuchtturmcharakter zusichert. Letztlich ist das Ganze natürlich kein karitatives Unterfangen, sondern dürfte ein Teil des Innovationsmanagements der Commerzbank Gruppe sein. Bis heute existieren nämlich diverse Ansätze, wie Unternehmen (unabhängig von der Branche) Innovationen generieren können, allerdings gibt es keine allgemeingültige Goldrandlösung. Die Ansätze beginnen bei Mitarbeiterbeteiligungsprogrammen und reichen über diverse Steuerungsansätze im Projektmanagement bis hin zu eben dieser Förderung von Startups und Ausgründungen. Die Commerzbank macht deshalb nichts völlig neues, sondern greift Instrumente auf, die in anderen Branchen bereits (erfolgreich) existieren.

Inkubatoren existieren in Deutschland mittlerweile viele. Insbesondere für Internetstartups und Technologiegründungen gibt es diverse Angebote. Wenn es um Gründungen mit anderen Ausrichtungen (bspw. Maschinenbau, Biotech, etc.) geht, nennen sich vergleichbare Institutionen nicht zwingend Inkubator, bieten aber im Wesentlichen vergleichbare Leistungen. Explizit für Gründungen im Bereich der Finanzdienstleistung gab es in Deutschland bisher keine Angebote. Die Commerzbank hat in diesem Segment also eine Lücke geschlossen. Man kann der Großbank also nach vielen strategischen und operativen Fehlentscheidungen nun endlich wieder zu einer richtigen Entscheidung gratulieren.

Ob sich das Vorhaben dauerhaft und nachhaltig positiv entwickelt, wird die Zeit zeigen. Allerdings ist die Gründung des Inkubators für FinTech-Startups schon jetzt aus mehrerlei Gründen äußerst positiv zu bewerten. Einerseits weht in Frankfurt jetzt etwas mehr Gründerluft, was bisher vorwiegend anderen Städten vorbehalten war, und andererseits ist es durchaus sinnvoll, dass man Finanzthemen in der Bankenstadt Frankfurt pusht. Der wohl wichtigste Aspekt ist allerdings die Mobilisierung von Personal und anderen Ressourcen zur Schaffung von Innovationen und zur Unterstützung von Startups in der Finanzbranche. Außerdem sendet die Commerzbank damit die Botschaft, dass auch in starren Großbanken noch Leute arbeiten, die nicht nur frei denken, sondern ihre Gedanken auch durch- und umsetzen können und so wirklich den Versuch des Schaffens echter Innovationen anstelle von Bullshit-Bingo-Phrasen unternehmen.

Wenn sich jetzt noch ein paar branchenfremde Personen mehr im Team des Inkubators finden würden, wäre das Ganze ein nahezu perfektes Unterfangen. Immerhin stammt „Deutschlands innovativster Banker“ (Branchenkenner wissen, dass damit Matthias Kröner gemeint ist) nicht aus den eigenen Reihen, sondern aus der Hotel-Branche. Der Computer wurde auch von einem Bauingenieur erfunden. Wenn nun also wirkliche Innovationen im Banking erwartet werden, dann dürfen nicht nur etablierte Banker die Investitions- oder Unterstützungsentscheidungen treffen. Im Ansatz sind branchenfremde Mitglieder im Team des Inkubators erkennbar, allerdings nicht breit genug aufgestellt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden!

In jedem Fall dürfte es spannend werden, welche Startups ab sofort in Frankfurt für die Finanzbranche entwickelt werden. Immerhin eröffnet ein Inkubator mit Großbank im Hintergrund Möglichkeiten, die einem FinTech-Startup sonst nur mit sehr, sehr viel Kapitaleinsatz offenstehen.

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Veröffentlicht unter Finanzboulevard