Die Affäre um S&K mal anders betrachtet

Derzeit vergeht kein Tag, an dem keine Neuigkeiten über die Machenschaften der S&K-Holding an die Öffentlichkeit gelangen. Noch laufen die Ermittlungen. Doch die Medien scheinen die Hauptschuldigen bereits gefunden zu haben. Denn allen Nachrichten ist gemein, dass die beiden Protagonisten der Affäre, Stephan Schäfer und Jonas Köller, in keinem guten Licht dastehen. Das hingegen ist weniger verwunderlich. Sie sollen Anleger vorsätzlich betrogen und im großen Stil Kundengelder veruntreut haben. Damit scheint das Problem einfach zu sein: böse S&K-Gründer zocken arme Anleger ab.

Eine besondere Schwere der Schuld scheint vor allem darin begründet, dass die beiden S&K-Gründer einen äußerst ausschweifenden Lebensstil führten. Sie protzten mit Luxusautos, schicken Damen und spektakulären Partys. Das passt natürlich nicht in das Weltbild des üblicherweise bescheidenen Deutschen, der neben einem obrigkeitshörigen Minderwertigkeitskomplex vor allem an einem ausgeprägten Neidkomplex leidet. Diesem Bürger fällt es natürlich leicht nach der Härte des Gesetzes und der größtmöglichen Strafe zu rufen. Wie gut, dass gierige Dummheit nicht strafbar ist!

Unabhängig davon, dass vorsätzlicher Betrug nicht schön zu reden ist und das Abzocken von Anlegern alles andere als ein Kavaliersdelikt ist, muss man im Fall von Anlagebetrug trotzdem immer beide Seiten der Medaille berücksichtigen. Im Fall von S&K steht auf der einen Seite eine mutmaßlich kriminelle Gruppe, die Anlegern enorme Gewinne verspricht. Auf der anderen Seite stehen gutgläubige Anleger, die Gelder gewinnbringend anlegen wollen. Eine genauere Betrachtung der beiden Gruppen macht aber deutlich, dass hier eine Konstellation vorliegt, wie sie täglich tausendfach vorkommt: ein Anleger möchte möglichst sicher und schnell möglichst große Renditen erzielen und ein anderer verspricht, dass er es kann.

Das, was man S&K vorwirft ist symptomatisch für den Großteil der Finanzbranche. Versprochen wird das sichere, schnelle Geld. Neuerdings kommt als Folge von Kundenforderungen zu sicher und schnell noch die ethische und moralische Unbedenklichkeit hinzu. Klar ist aber, dass es das nicht gibt! Und jeder, der das nicht wahrhaben will, muss bedauert werden. Das gilt vor allem für die armen (oder gierigen) Anleger. Sie sind also alles andere als einfach nur Opfer. Vielmehr stellen sie Anforderungen, die unmöglich erfüllt werden können. Wie üblich, wird auf eine Nachfrage mit einem Angebot reagiert. Exakt das tun die meisten Unternehmen der Finanzbranche, da Kunden und Politik ein „geht nicht“ nicht akzeptieren würden. Man kann den Unternehmen zwar vorwerfen, dass sie viele schwachsinnige Produkte entwickeln, die darauf ausgelegt sind die eigenen Gewinne zu maximieren, viel mehr aber auch nicht. Letztlich erklären sie den Kunden die Produkte ja und belehren sie über mögliche Risiken. Volljährigen ist das Glücksspiel erlaubt. Und wenn eine Branche das Konzept des Glücksspiels in Produkte und Dienstleistungen mit dem Charakter des reinen Selbstzwecks umsetzt und der Kunde das akzeptiert, ist das folglich völlig in Ordnung.

Die Protagonisten der Affäre um S&K haben damit, dass sie das Konzept des Selbstzwecks der Finanzbranche mit unlauteren Mitteln auf die Spitze getrieben haben, der gesamten Branche die schicken Businessdresses ausgezogen und durch lächerliche Clownskostüme ersetzt. Immerhin haben auch als seriös einzustufende Unternehmen ihre Produkte an den Mann oder die Frau gebracht. Sie haben auf diese Weise den gehörnten Kunden und Teilen der Finanzbranche den Spiegel im diamantbesetzten Rahmen vorgehalten. Dabei haben die Kunden festgestellt, dass der eigene gierige Gesichtsausdruck nicht schöner wird, wenn er einem aus dem Luxusspiegel entgegen starrt. Am Ende frisst sich die Gier eben selbst!

Das Schönste an der Angelegenheit ist, dass sie ein Paradebeispiel für die Verhaltensweisen von Akteuren am Finanzmarkt ist. Das gilt sowohl für die Unternehmen als auch für deren Kunden. Die beiden S&K-Gründer haben alleine keine Chance gehabt. Diejenigen, die S&K promoted, vertrieben und anderweitig vermittelt haben, haben zu ihrem Erfolg beigetrgen. Eine Qualitätsprüfung hat offenbar nicht stattgefunden. Nicht zuletzt haben aber auch die Kunden selbst dazu beigetragen, die von Gier gesteuert die entsprechenden Produkte gekauft haben. Der Schein war wieder ein Mal wichtiger als das Sein. Vermutlich wird das nicht die letzte Affäre um Betrug und Untreue in der Finanzbranche gewesen sein.

Was die Angelegenheit ganz besonders deutlich macht ist, dass auch der hochkomplexe und quasi überregulierte Finanzmarkt keine Garantie für Anlegerschutz ist. Aus meiner Sicht ist die Affäre um S&K ein Votum für mehr Selbstverantwortung der Anleger. Gleichzeitig zeigt sie aber auch, dass man Vertriebsstrukturen nicht vollständig von der Haftung für Schäden aus faulen Kapitalanlagen entbinden kann.

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Veröffentlicht unter Finanzboulevard