Ein kleiner Beitrag über die Seriosität von Börsenbriefschreibern und anderen Experten

Immer wieder liest man in einschlägigen Internetforen Diskussionen, die sich um die Seriosität von Börsenbriefen drehen. Im Regelfall kommen deren Herausgeber dabei nicht gut weg. Im Gegenzug dazu werden Berichte großer Agenturen, deren Schreiberlinge sich Analysten nennen meist nicht kritisch gesehen. Die Bewertungen unbekannter anonymer Autoren, die im Maßanzug klug daher reden, werden ebenfalls gerne als glaubwürdig interpretiert. Auch Veranstaltungen einschlägiger großer IR-Agenturen werden gerne besucht. Die Kolumnen sogenannter Experten werden meistens gerne gelesen und gelten in den Kreisen ihrer Leser im Regelfall als wertvolle und seriöse Informationsquelle. Aber warum ist das so und entspricht diese Wahrnehmung der breiten Masse wirklich der Realität?
Mit absoluter Sicherheit sind die meisten Börsenbriefe keinesfalls unseriöser als Finanzexperten oder Analysten. Natürlich gibt es Ausnahmen, was aber nicht heißt, dass alle Börsenbriefe unseriös sind. Im Übrigen lässt sich auch anhand der Aufmachung eines Börsenbriefs oder Newsletters nicht auf die Seriosität der Inhalte schließen. Abgesehen davon muss man sich auch die Frage stellen, was im Rahmen der meisten Diskussionen mit Begriffen wie seriös oder Seriosität gemeint ist! Diese Klarstellung fehlt im Regelfall. Meist bleibt es diffus und die wirklichen Zweifel werden nicht benannt. Unseriös wäre es beispielsweise, wenn ein Autor bewusst falsche Angaben macht. Unseriös wäre es auch, wenn die gemachten Angaben einem kriminellen Zweck dienen. Aber ist es unseriös, wenn der Herausgeber eines Börsenbriefes Geld verdienen möchte und z.B. Artikel im Auftrag erstellt? Natürlich muss er darauf hinweisen, um mögliche Interessenskonflikte offenzulegen, aber unseriös ist das dann doch eigentlich nicht? Geld verdienen kann ein Börsenbrief auf unterschiedliche Art und Weise. Er kann seinen Börsenbrief beispielsweise verkaufen und die Abonnenten bezahlen ihn für jede Ausgabe. Das funktioniert natürlich nur solange er gute Empfehlungen schreibt. Der Herausgeber kann auch von einer PR- oder IR-Agentur beauftragt werden über ein bestimmtes Unternehmen zu berichten. Auch dieser Sachverhalt ist an und für sich völlig in Ordnung. Zwar sind die Aussagen dann nicht mehr unabhängig, falsch dürfen sie aber ebenfalls nicht sein. Eine weitere Finanzierungsmöglichkeit ist, dass der Börsenbrief oder Newsletter nur Beiwerk eines umfangreicheren Geschäftes ist. So leisten sich beispielsweise manche Banken ebenfalls Börsennewsletter oder Börsenbriefe, die sie ihren Kunden kostenlos zur Verfügung stellen. Auch das ist völlig seriös, aber ebenfalls nicht unabhängig. Außerdem gibt es weitere Finanzierungskonstrukte, die aber ebenfalls nicht unseriöser sind. Zusammenfassend lässt sich eigentlich nur sagen, dass der Großteil der Börsenbriefe, Finanz- und Börsennewsletter seriös agieren. Zwar sind nicht alle gleich kompetent und viele senden in ihren kostenlosen Ausgaben nur Werbung, aber auch hier muss man sich die Frage gefallen lassen, ab wann Auskünfte eines Börsenbriefes als kompetent aufgefasst werden können. Letztlich möchte der Leser eines Börsenbriefes in erster Linie Tipps und Hinweise auf Unternehmen, die ihnen im Falle einer Kapitalanlage eine möglichst hohe Rendite bescheren. Die eigentliche Kompetenz des jeweiligen Autors ist dabei lediglich die Identifikation eines Unternehmens X, dessen Aktienkurs steigt und dem Investor so zu einer Rendite verhilft. Dabei ist es im Grunde doch völlig egal, ob der Hinweis mit der Aussage „Die megageile Goldklitsche X mit echtem Tenbagger-Potential wird abheben“ oder der Beschreibung „Unternehmen der Explorationsbranche mit ausgezeichneten Kennzahlen veröffentlicht bankable feasibility Study des Goldprojekts X und nennt Financier für den Ausbau der Mine“ erfolgt.
Aber wie hält es sich mit einschlägig bekannten Finanzexperten, deren Expertise in der Finanzbranche etwas gilt? Können deren Aussagen als seriös, was viele vermutlich mit kompetent verwechseln, aufgefasst werden? Die Antwort lautet ganz klar JEIN! Um dies zu verdeutlichen, soll nachfolgend eine Auswahl von Persönlichkeiten der Branche etwas beleuchtet werden, um die Problematik des Begriffs Seriosität in der Diskussion aufzuzeigen.
Einerseits kann man darauf vertrauen, dass gewisse Fachleute aus gutem Grund den Ruf genießen, den man ihnen zurechnet. Dieser ist allerdings ihren Positionen geschuldet, in denen sie bekannt wurden. So kann man davon ausgehen, dass beispielsweise ein Dirk Müller („Das Gesicht der Börse“) seinen Job als Händler und Börsenmakler hervorragend ausgefüllt hat. Allerdings ist es fragwürdig, ob er in seiner Eigenschaft auch in der Lage ist Anlageempfehlungen zu geben. Zwar kann er auf viele Kontakte zurückgreifen, die sicherlich viele hilfreiche Tipps geben können, und seine berufliche Erfahrung bringt ein gewisses Urteilsvermögen hinsichtlich des Marktverhaltens mit sich, Fachmann für Unternehmensbewertung und Rohstoffe wird man auf diese Weise aber nicht. Und obwohl er kein Wissenschaftler ist, wirbt er für seine Börsenbriefe damit, dass die darin behandelten Inhalte wissenschaftlich fundiert seien. In seiner Eigenschaft als Nichtwissenschaftler dürfte ihm dies alleine schwer fallen. Zunächst also ein widersprüchlich wirkender Sachverhalt. Trotzdem gilt er als Fachmann und ist gerngesehener Gast in diversen Talkshows. Zwar ist Dirk Müller kein Wissenschaftler, aber für seine Börsenbriefe arbeitet er mit Wissenschaftlern zusammen. Und das ist völlig in Ordnung. Da er sich geschäftlich mit anderen Fachleuten zusammen tut und einschlägiges Branchenwissen mitbringt, fungiert Dirk Müller völlig zu Recht als seriöser und kompetenter Experte der Finanzbranche.
Es gibt auch selbsternannte Experten, die sich nicht aus der Finanzbranche selbst rekrutieren und teilweise einen fragwürdigen Ruf genießen. Populäre Beispiele sind u.a. der gelernte Bäcker Markus Frick und der Betriebselektriker Helmut Pollinger. Der erstgenannte Markus Frick veröffentlichte Bücher, gab einen Börsenbrief heraus und unterhielt Hotlines mit Anlagetipps. Außerdem veranstaltete er Seminare und moderierte eine Fernsehshow. 2001 wurde er wegen Marktmanipulation verurteilt. Unabhängig von anderen Meinungen stellt die Verurteilung einen eindeutigen Sachverhalt dar, der eindeutig darauf schließen lässt, dass die Arbeitsweisen von Markus Frick in der Vergangenheit teilweise als hochgradig unseriös eingestuft werden müssen. Ob man ihn daher heute noch als seriösen Experten beurteilen kann, darf zumindest bezweifelt werden. Eine ebenfalls fragwürdige Person ist Helmut Pollinger, der Chef von bullVestor. Doch was ist fragwürdig an einem Helmut Pollinger? Die Anlageempfehlungen, die über bullVestor verteilt wurden, konnten von Anlegern häufig genutzt werden, um gute Gewinne zu erzielen. Zwar liegt die Trefferquote der Empfehlungen eines bullVestors auch nicht bei 100%, dennoch lässt sich die Performance der meisten Empfehlungen sehen (Informativ: Interne Analysen von smallcapservice.de zeigen, dass bullVestor im Segment der kostenlosen Börsenbriefe überdurchschnittlich hohe Renditen ermöglicht.). Was führt aber nun dazu, dass der Börsenbrief bullVestor in der Öffentlichkeit einen schlechten Ruf genießt? Vermutlich liegt es an der reißerischen Aufmachung. Pollinger verzichtet auf das übliche Fachchinesisch der Branche und publiziert seine Empfehlungen auf fast aggressive Art. Das dürfte bei Leuten, die auf Basis der bullVestor-Empfehlungen Verluste realisiert haben, zu entsprechenden negativen Reaktionen führen. Auch die Empfehlung von DeBeira Goldfields war seinerzeit strategisch äußerst ungünstig. Neben seinen Empfehlungen macht Herr Pollinger sich außerdem einen Namen als Gegner von Leerverkäufen, was in der Branche selbst nicht nur mit Wohlwollen begrüßt wird. Allerdings muss man konkretisieren, dass sein Ruf nur oberflächlich negativ ist. Vielmehr ist er für viele ein starker Konkurrent, der auf die branchenüblichen Förmlichkeiten verzichtet, und von vielen Anlegern regelmäßig gelesen oder zurate gezogen wird. In einschlägigen Internetforen gehören die Threads zu Aktien, die von bullVestor empfohlen wurden, zu denen mit den meisten Diskussionsteilnehmern und Lesern. Aufgrund der burschikos-bodenständigen Erscheinungsform des bullVestors kann man einen Helmut Pollinger vielleicht infrage stellen und seine Meinung als Finanzexperte nicht für voll nehmen, seine Empfehlungen sprechen jedoch für eine gewisse Sachkenntnis – oder sehr, sehr viel Glück. Da sich die Person Helmut Pollinger aber in vielen Belangen bedeckt hält, ist sie als seriös einzustufen, solange nichts Gegenteiliges bewiesen ist. Schließlich gilt prinzipiell die Unschuldsvermutung. 🙂
Etwas anders gestaltet sich die Angelegenheit allerdings im Falle von Christoph Brüning, dem Geschäftsführer der Value Relations GmbH, die u.a. die Deutsche Anlegermesse und die Deutsche Rohstoffmesse organisiert. Herr Brüning gilt als Rohstoffexperte und verfügt in der Branche der Explorationsunternehmen über viele Kontakte, dies seine Expertise schätzen. Als Autor von Kolumnen und Fachaufsätzen sowie einem Buch machte er sich außerdem einen Namen. Zweifelsohne leistet die Value Relations GmbH hervorragend gute Arbeit in Sachen Investor Relations und PR-Dienstleistungen. Die veranstalteten Messen genießen zu Recht einen guten Ruf und auch der Hintergrund eines Chemiestudiums führt zusammen mit seinen durchaus kompetenten Ausführungen in Interviews und Artikeln dazu, dass man ihn als Experte für Rohstoffe und Investor Relations achten muss. Es gibt aber auch Aspekte, die Herrn Brüning in einem weniger guten Licht dastehen lassen. Konkret gibt es zwei Dinge, die Herrn Brüning nicht gerecht werden: Sein Buch „Seltene Erden – der wichtigste Rohstoff des 21. Jahrhunderts: Investieren Sie jetzt in den Rohstoff von morgen!“ und den Artikel „Neues vom Rohstoffexperten – Wolfram im Überblick“ auf wallstreet:online (URL: http://www.wallstreet-online.de/nachricht/4820936-wofuer-wolfram-rohstoffexperten-wolfram-ueberblick, abgerufen am 07.06.2012 um 15:00 Uhr). Das Buch ist generell nicht tragisch, aber es ist alles andere als gut. Insbesondere die Tatsache, dass ein wesentlicher Teil des Buches nichts anderes als Werbung für bestimmte Explorationsunternehmen ist, nimmt dem generell oberflächlichen Inhalt des Werks seinen letzten Glanz. Ein PR-Stratege sollte sowas besser können. Der eigentliche negative Knaller ist der oben genannte Artikel der Reihe „Neues vom Rohstoffexperten“. Dieser ist zu einem großen Teil wörtlich aus dem Wolfram-Eintrag von Wikipedia (URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfram, abgerufen am 07.06.2012 um 15:00 Uhr) übernommen. Es könnte rein theoretisch natürlich sein, dass Herr Brüning den Wikipedia-Artikel verfasst hat, aber auch das sollte dann im Sinne einer guten Autorenschaft zumindest erwähnt werden. Abgesehen davon ist es fraglich, dass das überhaupt der Fall ist. Spätestens nach Guttenberg sollte jedem klar sein, dass ein derartiges Vorgehen, noch dazu im Netz, so nicht folgenlos bleibt. Dieses Beispiel ist vor allem deshalb gut, da es den Begriff Seriosität unterschiedlich beleuchtet. Rein Fachlich ist Herr Brüning absolut glaubwürdig und als Geschäftsmann ebenfalls seriös einzustufen. In Sachen guter Autorenschaft müsste er jedoch mindestens als fragwürdig eingestuft werden.
Es scheint eindeutig so zu sein, dass sich der Begriff Seriosität nicht unbedingt eignet, um die Arbeit von Börsenbriefschreibern und anderen Expertem der Finanzinformationsdienste zu qualifizieren. In diesem Sinne sollten Diskussionen über die Seriosität von Experten und Börsenbriefen differenzierter geführt werden.
Johannes Tschesche

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