Crowdfunding: Herausforderungen und Potentiale

Die wesentlichen Grundlagen des Crowdfunding wurden bereits im Artikel Basiswissen Crowdfunding erläutert. Darin wurde auch erwähnt, dass es beim Crowdfunding mehrere Möglichkeiten der Durchführung der eigentlichen Finanzierung gibt und die Form der Finanzierung nicht festgelegt ist. Was nicht erwähnt wurde, sind die wesentlichen Herausforderungen, mögliche Potentiale und die Situation des unternehmerischen Geschehens in Sachen Crowdfunding. Insbesondere die derzeitige Entwicklung zeigt deutlich, dass die Potentiale dieser Finanzierungsform enorm sind. Aber woran liegt das? Was zeigt, wie stark das Interesse am Crowdfunding ist? Ganz einfach: Es geht um Geld – und zwar um eine Menge Geld! Und immer, wenn es um eine Menge Geld geht, gibt es auch eine Menge Leute, die dieses Geld verdienen wollen. Im Fall von Crowdfunding kommt hinzu, dass die eigentlichen Werkzeuge der Finanzierung alle bekannt sind und nur die Art der Gewinnung der Investoren neu ist. Da Social Media nicht zum üblichen Terrain der alt eingesessenen Strukturen der Finanzbranche gehört, tun sich die eigentlich sehr starken Akteure dieser Branche schwer, das Potential von Crowdfunding zu erkennen und zu nutzen. Deutlich wird das vor allem dadurch, dass sich erst sehr wenige bekannte Größen der Finanzbranche mit der Thematik auseinandersetzen. Aber nun zum eigentlichen Kern des Artikels: den Merkmalen und dem Potential von Crowdfunding.

Aktuell gibt es spürbar viele Aktivitäten im Bereich des Crowdfunding. Bemerkenswert ist vor allem, wie viele Konferenzen es weltweit zum Thema in 2012 gibt. Die folgende Übersicht (ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit) zeigt deutlich, dass das Thema von großem Interesse zu sein scheint.

  • FUNDRAISING 2.0 Camp & Conference, Januar 2012, Berlin
  • TSL Capital Creation and Crowdfunding Conference, Januar 2012, New York
  • TSL Los Angeles Capital Creation and Crowdfunding Conference, März 2012, Los Angeles
  • The Crowdfunding Conference, April 2012, New York
  • co:funding 12, Mai 2012, Berlin
  • Creative Money, Mai 2012, Berlin
  • 1st National Crowdfunding Conference, Mai 2012, Washington
  • CrowdFunding Progress? with John Myer and William Carleton, Mai 2012, Seattle
  • CrowdFunding Conference, Mai/Juni 2012, Utah
  • Crowdfunding & Journalismus, Oktober 2012, Berlin

Hinzu kommen viele einzelne Beiträge und sogar ganze Sessions auf den gängigen Konferenzen der Wirtschfts- und Finanzbranche. Aber alleine die Zahl der Konferenzen sagt nichts über die Aktivitäten im Bereich Crowdfunding aus. Aussagekräftiger ist beispielsweise die Anzahl der Crowdfunding-Plattformen, also der Internetportale, die beim Crowdfunding Investoren und Unternehmen zusammenbringen. Glaubt man den Angaben von www.crowdsourcing.org, dann ist die Anzahl der Plattformen seit 2007 bis 2011 um 452% gestiegen. In 2012 soll die Steigerung noch größer ausfallen. Letzten Endes bleibt aber nur die Summe des Geldes, welches über diese Plattformen umgesetzt wurde. Legt man wiederum die Angaben von www.crowdsourcing.org zugrunde, so fällt die Steigerung noch größer aus. Das heißt, dass die Summe des vermittelten Geldes je existierendem Crowdfunding-Portal im Mittel gestiegen sein muss. In Summe vermittelten die Plattformen in 2011 rund 1,47 Mrd. Dollar. Gemessen an den Beträgen, die durch institutionelle Private Placements, IPOs und andere Instrumente des herkömmlichen Kapitalmarkts vermittelt werden, ist die Summe natürlich verschwindend gering. Da der Umsatz aber stark ansteigt und eine nennenswerte Wahrnehmung der Thematik erst seit dem letzten Jahr in der Öffentlichkeit existent ist, kann man davon ausgehen, dass die großen Steigerungen noch ausstehen. Ein weiteres Indiz dafür ist, dass erst seit wenigen Wochen eine neue Crowdfunding-Plattform existiert, die von professionellen Brokern, die der Wallstreet zugeordnet werden können, gegründet wurde (www.confidentcrowd.com). Dies ist sicherlich auch eine Folge der neuen gesetzlichen Regelung in den USA bezüglich Crowdfunding, was es Firmen erlaubt, ohne größere Prüfungen bis zu 1 Mio. US$ Kapital innerhalb von 12 Monaten mittels Crowdfunding zu akquirieren. Einerseits ist dieser Vorgang eine große Chance für das Crowdfunding in den USA, andererseits beschränkt es die Unternehmen aber auch enorm und sichert die wirklich großen Geschäfte den alt eingesessenen Unternehmen der Finanzbranche. Doch auch hier muss man davon ausgehen, dass die Branche die Potentiale der Kapitalakquise mittels Crowdfunding noch nicht ansatzweise erkennt, geschweige denn bewirtschaftet. Ein weiteres Indiz dafür, dass das Prinzip des Crowdfunding noch nicht in der Breite angekommen ist zeigt sich, wenn man sich die Verteilung der Aktivitäten auf der Weltkarte anschaut. Derzeit belaufen sich die meisten Aktivitäten auf Nordamerika und Europa. Dieser Sachverhalt ist äußerst interessant, zeigt er denn, dass das Crowdfunding in den Regionen, die von der Schwarmfinanzierung am meisten profitieren könnten, noch gar nicht angekommen ist. Gleichzeitig heißt das aber auch, dass das Potential noch lange nicht weltweit erkannt wurde. Konkret heißt es also auch, dass sich damit noch eine Menge Geld verdienen lässt. Man möge sich überlegen, zu was ein „Schwarm“ möglicher Mikroinvestoren in den bevölkerungsstarken Ländern China und Indien fähig wäre. Oder wie sich die Schwarmfinanzierung auf die Unternehmerkultur in Schwellen- und Entwicklungsländern auswirken würde. Aber natürlich müssen dafür auch die Rahmenbedingungen stimmen, was derzeit sicher nicht überall der Fall ist.

Ungeachtet der Potentiale müssen die Merkmale des Crowdfunding klar sein. Die Schwarmfinanzierung lebt von vielen Akteuren, die ihre Mikroinvestments investieren. Selbst bei einem perfekt organisierten Prozess zur Abwicklung und Verwaltung der Einlagen wird es immer teurer bleiben einen Betrag von 1 Mio. € bestehend aus 20.000 Teilbeträgen zu verwalten als den gleichen Betrag, wenn er von nur zwei Investoren gestellt wird. Den vergleichsweise höheren Verwaltungskosten stehen aber der Vorteil der Werbewirksamkeit einer Crowdfundingaktion sowie die anlegerfreundliche Unternehmenskommunikation gegenüber. Die Verwaltungskosten beim Crowdfunding sind aber nicht das eigentliche Problem. Wirklich problematisch ist die rechtliche Beschränkung der derzeit existierenden Plattformen. Zwar ist beim Crowdfunding die Art der Einlage nicht geregelt, aber ab bestimmten Beträgen oder Vorgängen werden teure Zulassungs- und Genehmigungsverfahren nötig. Wollte ein Startup beispielsweise ein teures Messgerät kaufen und dafür z.B. 500.000 € einwerben, so würde diese Beteiligung im Falle einer Schwarmfinanzierung (mehr als 20 Investoren, über 100.000 €, etc.) der Prospektpflicht unterliegen. Auch die Vermittlung dieser Einlagen darf dann nicht mehr völlig frei erfolgen, vielmehr benötigen die Vermittler eine entsprechende Erlaubnis. Das gilt zunächst für Deutschland. In den USA können Unternehmen binnen eines Jahres neuerdings bis zu 1 Mio. US$ mittels Crowdfunding einwerben und Obama plant den Betrag auf 2 Mio US$ zu vergrößern. Aber auch dieser Betrag ist, je nach Branche, nicht ausreichend. Konkret bedeutet das, dass sich Crowdfunding derzeit vor allem für Unternehmen mit einem moderaten Kapitalbedarf eignet. Beispielsweise die Modernisierung einer Fertigungsstätte, die Entwicklung neuer Technologien oder der Anlagenbau können mit dem Werkzeug Crowdfunding aktuell nicht in ausreichender Art und Weise mit Kapital ausgestattet werden. Dabei sind grade das die Investitionsbereiche, in denen Kapital benötigt wird und sich auch entsprechende Gewinne realisieren lassen. Zwar sind die Internetstartups oftmals sehr profitabel, das Risiko ist allerdings entsprechend hoch. Das Risiko beim Bau einer Mine ist vergleichsweise gering, sofern die Schritte bis zur Bauentscheidung fehlerfrei bearbeitet wurden. Und je nach Größe, Rohstoff und sonstigen beteiligten sind die Renditen in einem solchen Fall keinesfalls zu unterschätzen. Es müssen daher Möglichkeiten gefunden werden, mit denen man für Unternehmen mittels Crowdfunding größere Beträge einsammeln kann. Hierzu sind nach derzeitiger Rechtslage Banken und Kapitalanlagegesellschaften nötig, die sich der Thematik annehmen.

Im Zusammenhang mit den Fundingbeträgen steht auch der Sachverhalt, dass viele der Crodfundingplattformen noch keine nennenswerten Gewinne erwirtschaften. Betrachtet man beispielsweise die populärste deutsche Plattform SeeDMATCH (www.seedmatch.de), erkennt man ein erfolgreiches Startup. Schaut man sich die Zahlen aber genauer an, dann stellt man fest, dass diese Erfolgsstory nicht ganz so erfolgreich ist, wie anfangs vermutet. So erhält SeeDMATCH für ein erfolgreiches Funding laut eigener Angaben 5%-10% der Fundingsumme. Das ergibt bei einer Fundingsumme von 1 Mio. € also maximal 100.000 € Umsatz. Unterstellt man nun, dass die Hostingkosten, Werbemaßnahmen und Reisekosten, Steuerberater, Verwaltungskosten sowie der juristische Beistand, den ein Unternehmen dieser Form benötigt, nicht umsonst sind, dann dürfte nach Abzug dieser Kosten von den 100.000 € noch maximal die Hälfte übrig bleiben. Dabei ist der Faktor Steuern noch nicht berücksichtigt. Und der Rest, sofern es überhaupt einen gibt, muss dann verteilt und versteuert werden. Leben kann ein Gründerteam davon alleine vermutlich noch nicht. Um mit einem derartigen Geschäftsmodell ausreichend verdienen zu können, muss der jährliche Umsatz erheblich gesteigert werden. Das ist an und für sich auch kein Problem. Allerdings wird mit einer steigenden Anzahl zu finanzierender Unternehmen auch die Anzahl der Firmen stiegen, die sich nicht zu Erfolgsgeschichten entwickeln. Das führt wiederum zu einer Imageverschlechterung und schreckt potentielle Investoren ab. Im Zweifel könnte das der Anfang vom Ende einer erfolgreichen Plattform sein. Demnach müssen die Betreiber der Plattformen sich andere Konzepte als das Standardprogramm „Wachstum“ überlegen.

Im Wesentlichen dürften sich, sofern sich die Gesetzeslage nicht drastisch ändert, drei unterschiedliche Crowdfundingmodelle etablieren:

  1. Plattformen nach dem Modell von Seedmatch, Kickstarter und Ähnlichen, wobei sich hier nur wenige dauerhaft durchsetzen werden.
  2. Etablierte Unternehmen der Finanzbranche(Kapitalanlagegesellschaften, etc.) starten eigene Plattformen, die die Crowdfundingauktionen unter Berücksichtigung der Rechtslage mit professionellen Beratungsinstrumenten betreiben
  3. Crowdfundingdienstleister, deren Hauptgeschäft jedoch nicht das eigentliche Funding ist, sondern vielmehr Marketing und Werbung, IR/PR, Beratung oder andere Branchen.

Letzteres Modell ist im Grunde kein eigenes Modell, sondern lediglich eine Dienstleistung zur Finanzierung des eigenen Geschäfts, welches man dem jeweiligen Unternehmen verkaufen möchte.

Unabhängig vom jeweiligen Crowdfundingmodell und des nicht zu leugnenden enormen Potentials, werden die Betreiber von Crowdfundingplattformen etliche Hindernisse überwinden müssen, wenn Crowdfunding nicht als Blase der Internetcommunity enden soll. Dazu werden sich die Dotcom-Gründer mit Akteuren der etablierten Strukturen verbinden müssen. Diese Verbindung wird anfangs für beide Parteien gewöhnungsbedürftig sein. Doch dauerhaft werden alle Beteiligten, also Plattformbetreiber, Investoren und kapitalbedürftige Unternehmen, davon profitieren.

Johannes Tschesche

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Veröffentlicht unter Crowdfunding

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