Der erhobene Zeigefinger warnt den Schwarm

Crowdfunding (oder auch Crowdinvesting) als Werkzeug der Unternehmensfinanzierung war eines der heißesten Themen im vergangenen Jahr. Die Branche der Schwarmfinanzierer ist im Jahr 2013 weltweit stark gewachsen. Mittlerweile gibt es sowohl Plattformen für die Finanzierung von Startups als auch Plattformen für die Kapitalanlage in bereits etablierte Unternehmen. Neben vielen Befürwortern und Fans der Schwarmfinanzierung haben sich aber auch etliche Skeptiker und Kritiker zu Wort gemeldet.

Einer der Hauptkritikpunkte war die fehlende Regulierung und die Umgehung der Prospektpflicht. Auch die angeblich intransparente Unternehmensbewertung wurde häufig kritisch hinterfragt. Nicht zuletzt wurde auch die Tatsache kritisch aufgefasst, dass die Finanzierungen teilweise binnen weniger Stunden vollzogen wurden, sodass Anleger nur unter Zeitdruck investieren konnten und dadurch einem Druck ausgesetzt sind, der angeblich eine ausreichende Information und Überprüfung des Investments unmöglich macht.

Das Jahr 2014 hat bisher primär Berichte über die Crowdfunding-/Crowdinvsting-Highlights des vergangenen Jahres und Prognosen für das aktuelle Jahr hervorgebracht. Aber auch der erhobene Zeigefinger der Skeptiker und Kritiker wurde bereits wieder erhoben. So widmen die VDI nachrichten in ihrer Ausgabe vom 10. Januar 2014 gleich eine ganze Seite fast ausschließlich dem erhobenen Zeigefinger und der damit angesprochenen German Angst.

In mehreren Artikeln wird dort über das Thema Crowdfunding (Crowdinvesting) berichtet. Besonders intensiv wird die Problematik der Bewertung aufgegriffen. Man muss natürlich zugeben, dass die aufgeführte Kritik an der gängigen Bewertungspraxis der meisten Crowdfunding-Plattformen berechtigt ist. Diese soll dazu führen, dass Investoren nicht in dem Maße am Unternehmenserfolg beteiligt werden, wie es eigentlich wünschenswert wäre. Ursächlich dafür wird u.a. die Renditeermittlung mittels EBIT verantwortlich gemacht. Der schwerwiegendste Kritikpunkt daran sei, dass die Unternehmen diese Größe beeinflussen könnten. Das ist zwar richtig, allerdings wird ein wesentlicher Punkt beim Crowdfunding vergessen: die Crowd ist nicht nur Geldgeber, sondern auch kostenlose Marketingmaschine und in vielen Fällen Kunde. Welches Unternehmen wird leichtfertig Kunden verprellen und eine kostenlose Marketingmaschine in einen unkalkulierbaren Shitstorm überführen wollen? Dieser Sachverhalt dürfte (naja, sollte) auch institutionellen Investoren klar sein, die ihren Einstieg auf Kosten der Kleinanleger deshalb nicht so gierig gestalten können, wie sonst oft üblich. Abgesehen davon ist die Berechnung von Renditen anderer Investitionen auch nicht ausnahmslos frei von Kritikpunkten!

Was außerdem vergessen wird ist, dass schon die Unternehmensbewertung eines Startups im Vorfeld der eigentlich kritische Faktor ist. Bei etablierten Unternehmen ist das weniger kritisch, da hier Bilanzen und oftmals andere Bewertungen vorliegen. Im Fall eines Startups sind jedoch sehr viele Dinge überhaupt nicht bewertbar. Das ist riskant und die Gefahr einer Überbewertung groß. Allerdings ist das auch bei vielen anderen Unternehmen der Fall, die an der Börse gehandelt werden. Beispielsweise bei Internetunternehmen, Rohstoffunternehmen oder in entwicklungsintensiven Branchen, wie der Pharma- oder Chemiebranche sowie bei Unternehmen, die Hightech entwickeln. Deshalb ist dieser Sachverhalt kein Negativkriterium für Crowdfunding, sondern ein generelles Risiko bei Kapitalanlagen in Unternehmen.

Es wird außerdem angeführt, dass die die Gefahr für eine Ernüchterung bei der Auszahlung der Renditen groß ist. Das kann man so nicht stehen lassen. Dafür müsste man zunächst offenlegen, ab wann ein Anleger ernüchtert wird. Sind 20 % Rendite schon zu wenig für einen Investor oder reicht einem aus Überzeugung handelnden Anleger die Tatsache zur Befriedigung aus, wenn man die Einlage in einem risikobehafteten Umfeld (Startups) zurückbekommt und dabei einem jungen Unternehmen geholfen zu haben?

Die reißerische Überschrift, dass man beim Crowdfunding kaum reich werden könnte ist ebenfalls irreführend. Immerhin stehen selbst bei einer Investition von 5.000 € (was für Kleinanleger beim Crowdfunding eine mehr als respektable Summe ist) und einer Verzehnfachung lediglich 50.000 € im Raum stehen. Das ist zwar viel Geld, bedeutet aber noch lange keinen Reichtum.

Ein weiteres Thema, welches auf der Seite erörtert wird, ist ein alter Kritikpunkt: die emotionale Anlageentscheidung unter Zeitdruck. Die Doktorandin Alexandra Moritz, die vor ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Banken arbeitete, beschreibt in einem kurzen Interview den Ablauf der Risikobeurteilung durch die Crowd-Investoren. Sie bemängelt insbesondere, dass der Großteil der Anleger nicht viel von Unternehmensbewertung versteht. Diese Kritik ist allerdings unangebracht, da sie auch beim Kauf von Aktien, Fondsanteilen oder sonstigen Wertpapieren, die an die Realwirtschaft gekoppelt sind zutrifft. Daher hinkt auch der gebrachte Vergleich mit der Risikoaufklärung der Banken im Fall von strukturierten Derivaten. Der Zeitdruck, der bei manchen Investments entstehen kann ist allerdings problematisch. Jedenfalls ist es dann kritisch, wenn man vor der Anlageentscheidung keine ausreichenden Informationen zur Verfügung hat. Aber auch hier muss man wieder den Vergleich zur etablierten Finanzbranche suchen, wo teilweise bewusst Druck aufgebaut wird, um gewisse Produkte an den Mann oder die Frau zu bringen.

Auch, wenn viele Kritikpunkte keine wirkliche Crowdfunding-spezifische Kritik darstellen, sollte die Branche diesen erhobenen Zeigefinger ernst nehmen. Es wird eine größer werdende Anzahl Kritiker geben, insbesondere wenn Erwartungen der Investoren nicht erfüllt werden. Für die Schwarmfinanzierer ist es folglich enorm wichtig, dass genau zwei Punkte beachtet werden. Erstens muss die Kommunikation zwischen Unternehmen und Investoren seitens der Unternehmen regelmäßig, im Fall von Problemen frühestmöglich, und in verständlicher Form stattfinden. Dabei ist Transparenz das oberste Gebot. Zweitens ist eine offene und faire Behandlung der Investoren nötig. Dazu gehören neben regelmäßigen Updates über den aktuellen Gegenwert der Anteile vor allem eine angemessene Gewinnbeteiligung am Ende der Laufzeit – auch beim Einstieg institutioneller Investoren oder dem Exit der ursprünglichen Gründer.

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