Das Märchen vom abgezockten Sparer

Es war einmal ein Sparer. Er ging seit jungen Jahren brav arbeiten und erwirtschaftete so sich selbst, der Firma, die ihn beschäftigte, und dem Staat, in dem er lebte, regelmäßige Einkommen. Dieser Sparer, der den Rest seines Einkommens, den er nicht für Lebenshaltung, Konsum und Altersvorsorge ausgegeben hat, zur Bank trägt, stellt eines Tages fest, dass sein Geld auf dem Sparkonto und das angelegte Festgeld nicht mehr die Kaufkraft hat, die er sich erhofft hatte – also im Grunde nichts mehr wert ist. Darüber ist er sehr erschrocken und prüft aus Angst auch gleich die aktuellen Auszüge seines Wertpapierdepots. Beruhigt stellt er fest, dass sich der Wert seiner Fonds und Aktien konstant vergrößert hat und die Kaufkraft seiner Anlage nicht nur erhalten wurde, sondern sogar sehr viel größer ist als er es sich erhofft hatte.

Nun aber ist er erbost. Hatten ihm doch die Sachbearbeiter seiner Bank empfohlen, nur wenige Aktien und Fondsanteile zu kaufen, da es ein großes Risiko sei und er sein hart verdientes Geld sogar verlieren könnte. Stattdessen wurde ihm ein Tagesgeldkonto mit einem geringen Zinssatz nahegelegt, da sein Geld dort sicher sei und er jederzeit darüber verfügen könnte. Außerdem sollte er einen größeren Betrag in Festgeld anlegen, um so für den Großteil seines Geldes mehr Zinsen als es das Tagesgeldkonto bietet, zu erhalten.

Ein Kollege erzählt im am darauf folgenden Tag während der Spätschicht, dass der Wertverlust daran liegt, dass er weniger Zinsen auf sein angelegtes Geld bekäme als das Geld an Wert verlieren würde. Das hätte was mit der Inflation zu tun und daran wäre der Staat schuld. Damit würde man den armen Sparern nämlich ihr hart erarbeitetes Geld klauen und es den reichen und Banken geben. Stattdessen solle man sich viel besser selbst um die Anlage seines Geldes kümmern.

Der Kollege erzählte ihm von Börsenbriefen und Anlageberatern, die ihm lauter gute Tipps geben würden. Wenn er sein Geld dort anlege, wo ihm die Ratgeber es raten, würde er immer etwas mehr dafür bekommen als er ursprünglich eingezahlt hätte. Seit kurzem habe er auch eine Eigentumswohnung, die er finanziert aber nicht darin wohnt. Deshalb zahlt er jetzt weniger Steuern und hat überhaupt gar kein Risiko, da er die Wohnung ja vermietet und so der Mieter quasi die Raten für ihn bezahlt. Und überhaupt wäre laut seiner Berater und Fachzeitschriften das Thema Kapitalanlage ganz einfach und für jeden geeignet. Auch Leute mit geringen Einkommen können ihr Geld so anlegen, dass es sich von selbst vermehrt und man fast kein Risiko damit hat.

Daraufhin fing der brave Sparer nun auch an sein Geld selbst anzulegen, in Aktien und Fonds zu investieren und Wohnungen zu kaufen, um Steuern zu sparen. Nach kurzer Zeit kaufte er sich eine Villa mit Pool und ein paar Sportwagen. Er wurde durch seine Kapitalanlagen immer reicher und lebte glücklich in Saus und Braus bis an sein Lebensende.

So oder anders könnte es gewesen sein.

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