Das Ende der Sparzins-Mentalität

Immer wieder ist in den Medien die Rede vom Anlegerschutz. Insbesondere der sogenannte Kleinanleger spielt dabei eine entscheidende Rolle. Er ist das Top-Schutzobjekt des wilden Regulierungsmobs und scheint für die Kapitalanlageprodukte der Finanzbranche von besonderem Interesse zu sein. Wer genau dieser Kleinanleger (oder auch Privatanleger) ist, kann im Artikel Über den schützenswerten Kleinanleger nachgelesen werden.

Zwei wesentliche Merkmale, welche vielfach angeführt und diskutiert werden, sind Sicherheit und Seriosität. So soll der Kleinanleger nur weitgehend „sichere“ und ausschließlich „seriöse“ Kapitalanlagen tätigen können.

Der letztgenannte Aspekt der Seriosität ist eigentlich eine alberne Angelegenheit. Es sollten generell nur seriöse Geschäfte getätigt werden, völlig egal in welcher Branche. Kriminelle Machenschaften sind keine Spezialität der Finanzbranche und sollten daher mit dem gleichen Maß bewertet werden, wie in anderen Wirtschafts- und Lebensbereichen auch. Betrug ist Betrug ist Betrug ist Betrug und wird durch mehr Regulierung weiterhin Betrug bleiben.

Anders verhält es sich, wenn man den Aspekt der Sicherheit betrachtet. Wenn man ehrlich ist, ist die Zeit sicherer Kapitalanlagen, die auch nur ansatzweise ausreichende Renditen bringen, vorbei. Die aktuellen Zinssätze für Spar- und Tagesgeldkonten sowie Festgeld sind im Keller und decken oftmals nicht mal den Aufwand (z.B. anteilige Kosten für Internetrecherche/Konditionsvergleiche, Porto und evtl. Fahrtkosten zum Berater), den man mit der Einlage hat. Alle anderen Kapitalanlagen sind immer mit dem Risiko von Verlusten verbunden. Als allgemein anerkannt gilt die Regel, dass mit der Chance auf eine höhere Rendite immer auch ein größeres Risiko in Kauf genommen werden muss – oftmals bis hin zum Totalverlust oder manchmal sogar darüber hinaus.

Die jüngere Vergangenheit hat vielen Anlegern vor Augen geführt, dass selbst sicher geglaubte Kapitalanlagen, wie z.B. Staats- oder Unternehmensanleihen, keinesfalls so sicher sind, wie früher oftmals propagiert. Auch das Bewusstsein dafür, dass selbst große DAX-gelistete Unternehmen keine Garantie für wenigstens einen gewissen Werterhalt bieten, ist gestiegen.

Vielen Anlegern ist klar geworden, dass in Anbetracht der durchaus existierenden Risiken die geringen Renditen der früher gern genommenen Kapitalanlagen in keinem Verhältnis mehr zum Risiko stehen. Ein wesentlicher Grund dafür ist auch, dass die Komplexität heutiger Kapitalanlagen von dem durchschnittlichen Anleger nicht mehr durchdrungen werden kann. Wer liest und versteht schon mehrere Wertpapierprospekte mit 80 Seiten und mehr und stellt deren Inhalte sinnvoll gegenüber? Deshalb drängen viele von Ihnen in alternative Anlageformen, die vermeintlich transparenter sind. Zu nennen sind hier einerseits die aktuell modernen Investments mittels Crowdfunding/Crowdinvesting und andererseits diverse Fonds, die mit den unterschiedlichsten Modellen locken. Neben der (jedenfalls scheinbaren) Transparenz der Kapitalanlagen spielen mittlerweile auch häufig Aspekte der Nachhaltigkeit (ökologisch, sozial etc.) sowie ethische Kriterien eine Rolle. Diesen Kapitalanlagen ist gemeinsam, dass sie in der Regel keiner staatlichen Kontrolle unterliegen und von neuen Akteuren des Kapitalmarktes aufgelegt werden, die bisher entweder gar keine oder nur eine untergeordnet Rolle spielten. Insbesondere die ausschließlich über das Internet angebotenen Anlagen werden daher von der Fachpresse, Anlegerschützern und anderen häufig in ein schlechtes Licht gestellt. Beispielsweise wird vor Investments mittels Crowdfunding oder Crowdinvesting gewarnt, da es sich dabei um Risikoinvestments handelt. Gleichzeitig wird aber nicht erwähnt, dass heute quasi alle Kapitalanlagen (abgesehen von Spareinlagen und Festgeld) als Risikoinvestment betrachtet werden müssen.

Der Appell an das Risikobewusstsein trifft die Anleger und zeigt Wirkung. Immerhin zielt die Ermahnung, dass das schöne Geld vielleicht futsch ist, mitten ins Schwarze der sicherheitsbedürftigen Anleger. Die über lange Jahre mit Hilfe von KNAX-Heften, Weltspartagen und dem schlauen Baufinanzierungsfuchs erschaffene Sparzins-Mentalität sitzt bei deutschen Anlegern tief.

Ehrlich wäre es, wenn die Politik, die Medien und die Finanzbranche klarstellen würden, dass die Sparzins-Mentalität, die der Anleger über Jahrzehnte entwickelt hat, nicht mehr in herkömmlichem Maße bedient werden kann. Wenn die Branche ehrlich zu ihren Kunden ist, kann das verlorene Vertrauen evtl. wiedererlangt werden. Aber nicht damit, dass alle Alternativen zu den „alt eingesessenen Kapitalanlagen“ als gefährlich dargestellt und die genauso unsicheren eigenen Anlageprodukte als sicher verkauft werden.

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Veröffentlicht unter Finanzboulevard